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magazyn: Exklusiv durch den Sommer

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Der zwanzigjährige Jüngling, bisherige Berufsbezeichnung Maturant,  hat vor drei Monaten damit begonnen, für eine gerne gelesene Regionalzeitung Lokalberichte zu tippen. Deshalb nennt er sich jetzt mit sichtlichem Stolz Journalist. Derzeit muss er jedoch zugeben, meistens  nicht so recht zu wissen, worüber er schreiben soll. „Es ist einfach wirklich nichts los in unserer Gegend“, stellt er mit bekümmerter Miene fest. Woran erkennt man eigentlich diese während der kalten Monate herbeigesehnte Jahreszeit mit dem Namen Sommer? An blühenden Landschaften natürlich. Am Gesicht des schwitzenden Chefredakteurs der Zeitung sowieso. Am Blick in das Blatt allerdings auch.

Wenn eine verschwundene Dorfkatze namens Moritz die Titelseite füllt, hat es mit Sicherheit nicht unter 28 Grad Celsius. Steigt das Thermometer weiter, wird noch ein exklusives Interview mit dem Gemeindekassier  hinzukommen, der meint, jemand zu kennen, der die Katze gesehen haben könnte. Vielleicht war es aber auch ein kleiner Hund. Sommerloch wird das jedes Jahr wiederkehrende Phänomen genannt, sein unaufhaltsamer Ereignishorizont sind die großen Ferien. Während dieser Wochen wirken die örtlichen Straßen und Gassen wie ausgestorben. An den Türen von Gasthäusern und den paar noch vorhandenen Kaufläden  prangen Schilder mit dem unübersehbaren Hinweis „Wegen Urlaub geschlossen!“. Und weil gefühlt die Hälfte aller wichtigen Krawattenträger oberkörperfrei an einem Strand liegt und die andere Hälfte seit den letzten drei Wochen in der Mittagspause ist, sind für den Berichterstatter die Neuigkeiten so rar gesät wie Gurken aus biologischem Anbau in der Wüste Gobi.

Deshalb könnten gar nicht genug Katzen oder auch Hunde verschwinden, meint der junge Schreiberling hoffnungsvoll. Denn noch einen Artikel über die vorherrschenden hohen Temperaturen zu verfassen, erscheint ihm dann doch zu eintönig. Überdies würde er dem angestrebten Anspruch der Exklusivität keineswegs entsprechen. Der Chefredakteur appelliert in seinem in der soeben erschienenen Ausgabe abgedruckten Leitartikel ebenfalls eindringlich  an die Leser: „Sollten Sie den schwarzen Kater Moritz gesehen haben, dann melden Sie sich bitte in unserer Redaktion. Und wenn Sie jemanden kennen, der jemanden kennt, dann auch. Wir zählen auf Sie!“ Den Aufruf ziert zudem ein die Hälfte der Titelseite beanspruchendes Foto des Abgängigen. So wird mit vereinten Kräften das Sommerloch gestopft. Zur Not eben auch mit Haustieren.