Home Steiermark-Liezen WT276 magazyn: Viele Leser wollen Märchen

magazyn: Viele Leser wollen Märchen

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Das Schlagwort „Lügenpresse“ hat in gewissen Kreisen derzeit Saison. Mit diesem Schimpfwort  meinen  jene Leute, die es gerne im Mund führen, dass wir Schreiberlinge mit der Wahrheit nichts im Sinn hätten. Daraus ließe sich folgern, dass die Leser Idioten sind, weil sie den Lügen Glauben schenken. Ich jedoch denke, dass die „Lügenpresse“-Schreier gar nicht lesen, sondern bloß etwas nachplappern, was ihnen wiederum von gewissen Kreisen vorgesagt wird. Denn es soll ja tatsächlich Zeitgenossen geben, die sich nur nach ihren selbst gebastelten Wahrheiten richten und anderen Meinungen gegenüber allergisch reagieren. Vielleicht wollen diese Leute sich aber nur der Realität, wie sie in der Presse auf verschiedene Weise berichtet und kommentiert wird, verweigern. Für sie hätte ich einen guten Rat parat – sie sollten tatsächlich nur gut erfundene Geschichten lesen. Diese werden in der vollen Absicht geschrieben, um von den mitunter grauslichen Zuständen auf unserem Erdball abzulenken. Wir dafür zuständigen Schreiber dürfen von Heldentaten erzählen, die nie stattgefunden haben, dürfen Liebesgeschichten mit rosafarbigen Happyends ausdenken, dürfen unsere Protagonisten Schlachten schlagen lassen, in denen wir ganz allein über Sieger und Verlierer entscheiden. Und unser Leser, dieser nette Mensch, ist stets bereit, uns unsere Erfindungen zu glauben. Nicht etwa, weil er ein Idiot ist, sondern weil er weiß, dass die sonst so gut bewachte Grenze zwischen Wahrheit und Erfindung in einer guten Geschichte durchlässig wird. Und weil die literarische Lüge manchmal viel wahrer sein kann als die Wirklichkeit. Zugegeben, es gibt auch andere Berufe, bei denen der ökonomische Umgang mit Wahrheit und Erfindung nicht immer klar nachvollziehbar sein kann. Deshalb dürfen jene Berufsausübende den mangelnden Wirklichkeitsbezug ihrer Aussagen nicht offen zugeben, sondern müssen im Brustton der Überzeugung behaupten, immer nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Weil sie sonst nämlich Gefahr laufen, ihren Job zu verlieren. Und damit, noch viel schlimmer, ein überdurchschnittlich hohes Salär. Doch man soll ja niemanden voreilig diskreditieren, nicht wahr? 

Ja, wir Geschichtenschreiber dürfen nach Herzenslust lügen und schummeln, auch wenn der eine oder andere Leser den Inhalt für wahr hält. Und schon deshalb ist das Schreiberleben auch stets ein reines Vergnügen und hat mit wirklicher Arbeit überhaupt nichts zu tun. Was, falls Sie’s nicht gemerkt haben sollten, auch schon wieder gelogen ist…