Home Steiermark-Liezen WT274 magazyn: Wenn Otto die Landlust packt

magazyn: Wenn Otto die Landlust packt

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Mein treuer Gesprächspartner Otto glänzt schon länger durch Abwesenheit. Auch in unserem Stammcafé wird nach ihm gefragt. Jetzt weiß ich warum.  Er nennt nun, trotz seiner etwas fortgeschrittenen Jahre, ein Stück Land im Nachbardorf sein Eigen.

Nun fährt er mich auf verwinkelten Wegen dorthin und präsentiert mir stolz eine steile, verwilderte Wiese. „Mein Land!“, sagt er stolz. „Bist du verrückt?“, entfährt es mir angesichts des Zustandes der von Dornengestrüpp umrandeten Liegenschaft.

„Ich hab einen kleinen Sparvertrag ausbezahlt bekommen und mich gefragt, was ich mit dem Geld anstellen soll“, erzählt Otto. „In eine Klodeckelheizung oder in ein selbstparkendes Auto stecken? Dafür war mir das sauer Verdiente zu schade“, fügt er hinzu. Im Schein der Frühlingssonne sei in ihm die Idee gekeimt, ein Stück Natur wäre nicht übel.  Also habe er einem Kleinkeuschler für den Wert eines halben gebrauchten Kleinwagens besagten Flecken abgekauft.

Ich weiß jedoch, dass Otto, so wie ich auch,  nicht die geringste Ahnung von landwirtschaftlichem Tuten und Blasen hat. Wir schätzen das Stadtleben und kennen Trauben und Kirschen vor allem als geistvolle Getränke.

„Die Leute in der dörflichen Umgebung sind derart verschlafen“, meint Otto, „man könnte zwischen den Abendnachrichten und Mitternacht nackt durch die Gassen laufen, ohne dass es einer merkt.“ Wir lachen.

„Klar kannst du auf dem Land nachts hüllenlos herumwandern, weil du, im Gegensatz zur Stadt,  nicht gleich verhaftet wirst, da es hier weit und breit  keine Polizeistation gibt. Denke dabei aber an deine Gesundheit. Vielleicht ist eine unternehmenslustige Maid auch auf diese Weise unterwegs und…“, scherze ich. Ottos Augen leuchten auf. „Ein Mann muss Kinder zeugen, ein Haus bauen, einen eigenen Acker bestellen, bevor er stirbt“, deklamiert er aus voller Brust. Ach du heiliger Bimbam! Derartiges kann nur Torschlusspanik in Kombination mit Frühlingsfühlen hervorbringen. Hätte er gesagt, er bräuchte einen naturnahen Rückzugsraum, in dem er ruhen kann, würde ich es ja verstehen. Ich denk jetzt, lass ihn hacken, wühlen, jäten, schneiden, auf dass ihm der Schweiß in der Hose kocht. Vier Wochen später wird er sich an der Landlust ausgetobt haben. Dann sitzen Otto und ich wieder gemeinsam im städtischen Stammcafé  und genießen den vorzüglichen Rotwein. Und blicken dabei  versonnen aus dem Fenster hinauf zum Frühlingshimmel…

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