Home Steiermark-Liezen WT292 frisch notiert: Gesunde Kost

frisch notiert: Gesunde Kost

0 57

Gebückt schleicht der Versicherungsinspektor im Ruhestand am hölzernen Gartenzaun seiner Kindheit entlang. Auf der rechten Hand schützt ihn ein ausgeleierter Handschuh aus Nappaleder, in der linken Hand baumelt ein grüner Jutebeutel mit dem unübersehbaren Aufdruck „Esst mehr Gemüse“. Der gesundheitsbewusste Senior pflückt eifrig und unverdrossen junge Brennessel. Die von Hunden bewässerten großen Exemplare lässt er selbstverständlich beiseite und erfreut sich bald darauf an genügend junger Ware. „Des gibt a guats Gmüaserl“, murmelt der kundige Botaniker. Mindestens zwei Portionen Spinat mit Spiegelei sollen demnächst seinen Speisenplan ergänzen. Und morgen will der Pensionist in freier Natur erkunden, ob die Brunnenkresse noch verwendbar ist.
Denn ein Rentner, der sein Lebtag lang Beiträge eingezahlt hat, habe schließlich das Recht, wenn nicht sogar die Pflicht, dem Staat sein Ruhegelddasein durch gesunde Lebensweise möglichst lange zu erhalten, lautet seine feste Überzeugung, mit der auch in vielen Gesprächen nicht hinterm Berg hält. Überdies hält er von dem in Supermärkten unter dem Lockslogan „Bio“ angebotenem Grünzeug so gut wie gar nichts.
Auf dem wöchentlichen Bauernmarkt hat er zudem noch dazu feststellen müssen, dass die Leute schon fast nicht mehr wissen, was gut ist. Nur eine einzige Gemüsefrau konnte er entdecken, die den ungemein blutreinigenden Hopfenspargel zum Verkauf feilbot. Gerade noch, dass er ein paar schwarze Rettiche ergatterte. Sie sind doch so herrlich Wasser treibend, dass er sich nach dem Genuss jedes Mal vorkommt wie ein nackertes Brunnenbuberl aus heimischem Marmor.
Eine streng durchgehaltene Sellerie-Kur hatte beim Herrn Inspektor a. D. die vergangenen drei Jahre allerdings keinerlei Erfolg mehr gezeigt, obwohl der Saft angeblich sogar Tote aufwecken soll. Und was schließlich den Knoblauch angeht, so durfte er nach dem Genuss dieser Balkanknolle sieben Tage lang nicht bei der abendlichen Tarock-Runde am Stammtisch im „Goldenen Ochsen“ dabei sein.
Wenn er aber von alten Spezln und Bekannten, mit denen er über seine sich ständig wiederholenden Gesundheitsmaßnahmen sprach, lächelnd gefragt wurde, ob er denn unbedingt hundert Jahre alt werden möchte, so entgegnete der Rentner stets gelassen: „Hundert Jahre, nein, das möchte ich nicht werden. Achtundneunzig reichen mir auch schon!“.

SIMILAR ARTICLES