Home Steiermark-Liezen WT292 Adios Peregrinos! Helmut Schaupensteiner am Jakobsweg (Teil 3)

Adios Peregrinos! Helmut Schaupensteiner am Jakobsweg (Teil 3)

0 157

Hatte ich wieder einmal genug von der bunten Pilgergesellschaft und den vielen Gesprächen, bin ich – meiner Stimmungslage folgend – einfach früh morgens aufgestanden und alleine losmarschiert. Um jedoch gemütlichere Pilger nicht zu wecken, musste ich bereits am Vorabend alles penibel vorbereiten, um mich möglichst geräuschlos im halbdunkeln anzuziehen und meine Habseligkeiten in den Rucksack zu packen. Die erfrischende Morgenwäsche kam oft erst beim nächsten Bächlein, wo ich dann auch zu einem kleinen Frühstück kam: Kekse oder Müsliriegel mit kaltem Kaffee aus meiner Flasche. Eine Erfahrung machte ich immer wieder: Der Weg zum Ziel ist meist nicht der einfachste: wann immer ich zu einer Wegkreuzung kam, brauchte ich keinen Wegweiser – denn es war praktisch immer der steinigere, steilere Weg. Doch er ist zu schaffen! Einen entscheidenden Fehler machen viele Neueinsteiger schon zu Hause: Sie beladen einen besonders großen Rucksack, wollen möglichst viel von zu Hause mitnehmen… Falsch! Ein Pilger ist bescheiden und kommt mit dem Nötigsten aus. Es lohnt sich daher, eine Packliste (gibt’s im Internet) genau auf seine Bedürfnisse zu reduzieren. Für meinen zweiten Camino habe ich jeden einzelnen Teil auf die Küchenwaage gelegt und gegebenenfalls leichtere Lösungen gesucht. So kam ich letztlich auf sieben Kilogramm Gewicht, inklusive Notverpflegung und Wasser-Reserve (Lebensmittel bekommt man praktisch überall). Aber es erleichtert auch psychisch, je mehr Ballast man zu Hause lässt. Viele Pilger lassen oft wertvolle Ausrüstung wegen des zu hohen Gewichts zurück.
Wenn man wochenlang ganz auf sich gestellt ist, lernt man besonders viel. Unzählige Situationen müssen gemeistert und klare Entscheidungen getroffen werden. Das war wohl einer der Gründe, warum ich nach 10 Jahren nochmals die einsamere Nordroute gewählt habe. Eine derartige Besinnung ist zu Hause im Alltag mit all seinen Aufgaben und Routinen nicht möglich. Doch hier, wo ich stunden-, tage-, ja wochenlang Zeit habe, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und das eigene Leben – aus der Distanz – viel besser betrachten kann, wird alles leichter und einfacher.
Viele bekannte Lebensweisheiten gehen hier in Fleisch und Blut über: Gib niemals auf! Jeder Tag ist ein Neubeginn, eine neue Chance! Lebe jetzt – nicht gestern oder in der Zukunft! Trage Verantwortung für deinen Körper! Versuche immer, Geist und Körper in Einklang zu bringen! Große Ziele sind leichter erreichbar, wenn ich mir Teilziele setze – ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Sei offen für deine Umwelt, für die Natur, für neue Freunde!
Es gibt keine vergleichbare Gelegenheit, bei der man derart viele Kontakte und Meinungen von Menschen aus aller Welt sammeln kann. Ich schätze, ich habe täglich zumindest vier, fünf neue Menschen kennengelernt. Und ihre Meinungen. So lernt man die Welt unmittelbarer kennen. Unverfälscht und ungeschminkt. Das verschafft mir Weitblick und Gelassenheit. Beides scheint mir in meiner netten, kleinen Heimatstadt manchmal abhanden zu kommen…
Neben der besinnlichen Wanderung „passiert“ auf dem Camino wirklich alles: Essen, Trinken, Schlafen, Klogehen, Diskutieren, Bewegen, Verlaufen, Nachdenken, Suchen, Finden, Planen, Verlieren, Feiern, Wäsche waschen, Kochen, Körperpflegen, etc., alles in Eigenregie, also eine richtige Lebensschule.

Schlussbemerkung
Meine Entscheidung, den Jakobsweg zu pilgern, hatte keine religiösen Hintergründe. Für mich ist er belastet durch die geschichtlichen Ereignisse, als die spanischen Christen im 15. Jahrhundert mit dem heiligen Jakobus als Schutzpatron gegen die muslimischen Mauren (Berber und Araber) in eine blutige Schlacht zogen…
Trotzdem kommt man auf diesem langen Weg, in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache, einer fremden Kultur und alleine mit seinem Rucksack nicht umhin, sich mehr Gedanken über das Dasein des Menschen zu machen. Woher kommen wir und wohin gehen wir. Und über Fragen, wer denn damals vor rund 2000 Jahren unter uns gelebt und unglaubliche Wunder vollbracht hat – und uns noch heute als Vorbild für eine ideale Lebensweise dient…
Mein persönlicher Tipp: Wenn Sie Gott näher kommen wollen, dann ist es nicht notwendig, den spanischen Jakobsweg zu pilgern. Das funktioniert zu Hause auch. Wenn Sie jedoch ein anderes Land, eine andere Kultur, andere Menschen und vor allem sich selbst kennen lernen wollen, dann empfehle ich den Camino de la Costa. Der Weg ist zwar nicht das Ziel, aber eine Erlebnisreise zu sich selbst.

SIMILAR ARTICLES