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Alternative Urlaubszeit

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„Es ist bald schon August – und wir haben noch nichts für unseren Urlaub geplant“, stellte Otto fest. „Last Minute“, sagte seine Gattin und blätterte im Reisekatalog. „Dein Urlaub wird so gewesen sein, wie Du ihn Dir vorgestellt hast“, las Otto. Das brachte ihn auf eine Idee. Er fuhr zum nächsten Baumarkt und kaufte zwei große Säcke Sand. Feinen weißen Sand, wie es ihn an besonders schönen Stränden, zum Beispiel in der Karibik, gibt. Außerdem erstand er in einer Gärtnerei für exotische Flora zwei hohe Palmen in Kübeln sowie eine ansehnliche Bananenstaude.
Nachdem das Paar in den folgenden Tagen alles in seine Wohnung im vierten Stock und auf den großen Balkon bugsiert hatte, legte es los mit dem Urlaubsvergnügen. Statt Koffer zu packen, zum Flugplatz zu fahren und dort stundenlang auf den verspäteten Flieger zu warten, verteilten Otto und Ehefrau den Sand auf den Balkonbetonboden, befestigten das großformatige Poster mit Südseestimmung an der Wand und rückten zwei Liegestühle unter den Sonnenschirm, der mit den Palmen und der Bananenstaude in etwa das erwünschte Flair schuf.
Otto erlaubte sich noch, Blumenkästen dazuzustellen, in denen bereits etliche Paradeiser reiften. Telefon, Handy und Türklingen wurden abgestellt, der Computer beiseite geschoben. Und natürlich hatte er sich mit genügend Postkarten eingedeckt, die eine Insel mit Palmen zeigten – für Bekannte und Freunde.
Eine Balkonecke nahm ein dunkelblaues aufblasbares Planschbecken ein. Das Meeresrauschen kam vom CD-Player. Wohlschmeckende und bakteriell unbedenkliche Hausmannskost gab’s zur Genüge. So verbrachte das Paar einen wunderbaren Strandurlaub. Als Otto einige Wochen später seinen engsten Freunden hinter vorgehaltener Hand den ehelichen Balkontrip verriet, erfuhr er allerdings, dass er und seine bessere Hälfte mit ihrer exotischen Mobilitätsabstinenz voll im Trend lagen.
Schließlich bewiesen die Urlaubskarten mit Meeresstrand und Südseepalmen, die Otto und Ehefrau so nach und nach im Hausbriefkasten vorfanden, dass sie in Wien, Mörbisch und Graz postalisch abgestempelt worden waren.