Home Allgemein Der Weg ist das Ziel Oder: Vom legitimen Versuch, die Perspektive...

Der Weg ist das Ziel Oder: Vom legitimen Versuch, die Perspektive zu wechseln.


In fast 45 Arbeitsjahren habe ich – trotz ungünstiger „Startbedingungen“ – einiges erreicht. Aber es kostete viel Kraft und persönlichen Einsatz. Irgendwann ist es dann passiert: ich wurde vom selbstbestimmten Menschen zum getriebenen. Und ich kam zeitweise an einen Punkt, an dem ich einfach nur raus wollte aus dem täglichen Trott. Das Gefühl stieg in mir hoch, der berühmte Hamster im Rad zu sein: je schneller ich laufe, desto schneller dreht sich alles… In meinem Kopf manifestierte sich der Gedanke: Ich will da mal raus!

Am 16. Mai 2017 um 11:15 stand ich am Quick-Check-In des Vienna Airport nach Frankfurt-Bilbao. Ziel: Der Camino del Norte, der noch ruhige Jakobsweg an der spanischen Nordküste. Mein Rucksack war der leichteste aller (vergleichbaren) Pilger – wie sich später herausstellen sollte. Denn eines hatte ich in guter Erinnerung von meinem ersten Marsch vor zehn Jahren: Das Gewicht ist ein wesentlicher Faktor am Camino, und 800 Kilometer sind kein Spaziergang! Aus den 12 kg damals sind es nun stolze 6,9 kg geworden (ich möchte nicht mit einer Frau darüber diskutieren, was hier alles zurück bleiben muss). Damit war mein Rucksack sogar handgepäckstauglich!

Ich wurde einmal gefragt, warum ich nicht irgendwo in Österreich wandere? Doch das war keine Alternative: Zu nahe der gewohnten Umgebung, der Arbeit, der Freunde, der eigenen Kultur, Sprache und eine jederzeitige Ausstiegsmöglichkeit würden meiner Intention widersprechen: Vier Wochen totale Unabhängigkeit, mein Leben auf dem Rücken tragend, jeden Tag eine neue Herausforderung, immer nach vorne blickend, reduziert auf ein Minimum, eigenverantwortlich für jeden Schritt, für die eigene Versorgung, für jede Herberge, jeden Kontakt. Frei nach dem Motto: weniger ist mehr! So lebt es sich anders, spürbarer, intensiver, mutiger, gefährlicher, glücklicher?

Niemals sonst gebe ich mich dem Leben so vollkommen hin, bin so präsent und gleichzeitig so weit weg, bereit für alles, was es mir zu zeigen hat. Erst wenn ich alle Sicherheiten und Fluchtwege verbanne, bin ich in der Lage, dem Leben ganz ins Auge zu schauen und alles zu nehmen, wie es kommt. Alle Höhen und Tiefen erleben, ebenso Schmerz, aber auch Freude und Schönheit. Niemals sonst werde ich so viele Freunde gewinnen aus aller Herren Länder – und kurz darauf schon wieder verlieren. Niemals kann man so schnell wachsen, so von pulsierendem Leben durchdrungen sein, wie in dieser Zeit, den Moment genießen oder verfluchen – abhängig ausschließlich von mir selbst…
Der Küstenweg (auch Camino de la Costa genannt) bietet tatsächlich solche paradiesischen Orte und Momente. Er ist auch ein Abenteuer, weil die Markierungen nicht immer so klar sind. Auch das Herbergsnetz ist nicht so dicht wie auf dem Camino Francés und es kann dann schon einmal die eine oder andere Herberge voll sein, was zu Improvisationen oder längeren Tagesetappen mit 30 oder mehr Kilometern führen kann; wer sich drauf einlässt, wird feststellen, dass er gerade an solchen Herausforderungen wächst und flexibler wird und enger mit Einheimischen und Mitpilgern in Kontakt kommt – persönliches Wachstum garantiert!
Fortsetzung folgt!