Home Steiermark-Liezen WT286 Frisch notiert: Kurzweiliges von H. W. Grössinger

Frisch notiert: Kurzweiliges von H. W. Grössinger

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Frühjahrsputz
Der Frühling lässt sich offensichtlich nicht mehr aufhalten. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“ – so formulierte es der gute Goethe. Und wer naht sofort auf leisen Gummisohlen, das Küberl und den Schwamm in fester Hand?
Es sind die Autowäscher mit Kind und Kegel, die sich anschicken, ihre fahrbaren Sparbüchsen vom Winterdreck zu befreien. Und sie scheuern und schuften mit den Resten alter Unterhosen, verwenden allerlei chemische Wundermittelchen und schmirgeln so lange an jedem Lackflecken herum, bis das blanke Blech der Karosserie freundlich durchschimmert. In ihrer fürsorglichen Reinigungswut kitzeln manche sogar die kleinen Steinchen aus den Profilen der runden Gummihufe.
Der Frühjahrsputz am Limousinchen ist für den Zuschauer eine entzückende Unterhaltung. Papa baut die Sitze aus, die von der Mama mit einem Teppichklopfer gnadenlos verprügelt werden, als trägen sie die Schuld an den hohen Ratenzahlungen. Selbst das kleine Töchterchen werkelt fleißig mit. Was macht’s, wenn es den Kübel voller Schmutzwasser umstößt und die penibel polierten Felgen wieder so aussehen wie vor der Reinigungsprozedur. Schließlich und endlich ist die Verschönerungskur doch abgeschlossen, und alle stehen ehrfürchtig um das stolz glänzende Gefährt herum. Genau in den Augenblick aber, als die Mama rasch noch einmal mit dem Rehleder über den Rückspiegel wischt, beginnt es zu regnen…

Ohne Brille
Ohne Brille sieht Viktor, der solo lebende Freizeitschriftsteller, fast nichts, eigentlich nur Nebel. Kürzlich wollte er eine seiner Ansicht nach bedeutsame Story tippen, da fiel ihm ein Schräubchen aus der Brille – und ab war der Bügel. Da musste er wohl oder übel auf dem Fußboden herumkriechen, um das winzige Ding wiederzufinden. Und schließlich ertastete er es auch. Hurra! Nun hätte Viktor es wieder einschrauben können. Aber zum Einschrauben hätte er durch die Brille auf die Brille gucken können müssen, was wiederum unmöglich war, weshalb er sich dem Wahnsinn nahe fühlte. Er suchte nach einem Kompromiss – und fand schließlich auch diesen, indem er mit der einen Hand die Brille vor die Augen hielt und mit der andern tippte: 20 Seiten, eine komplizierte Ballade mit jambischen Vierfüßlern. Eine Sauarbeit, in deren Folge Nervenzuckungen bei Viktor auftraten. In der Ballade zuckt es heute noch. Was aber sagt uns das? Nun, dass man als Freizeitautor immer eine Ersatzbrille haben sollte oder zumindest eine Freundin, zum Schräubchen eindrehen!

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