Home Steiermark-Liezen WT283 magazyn: Haben Sie heute schon gelogen?

magazyn: Haben Sie heute schon gelogen?

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„Alle Autoren sind Lügner“, behauptet ein chinesisches Sprichwort. Allerdings mit einem Zusatz: „Alle Leser sind Idioten, weil sie diese Lügen glauben.“ Der Satz hat was. Nur der erste selbstverständlich!

Zugegeben, es gibt auch andere Berufe, bei denen der ökonomische Umgang mit der Wahrheit zum professionellen Alltag gehört. Politiker zum Beispiel, oder Werbeleute. Aber die dürfen den mangelnden Wirklichkeitsbezug  ihrer Aussagen nicht offen zugeben, sondern müssen im Brustton der Überzeugung behaupten, immer nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen.  Weil sie sonst nämlich Gefahr laufen, ihren Job zu verlieren.

Wir Schreiberlinge hingegen dürfen von Heldentaten erzählen, die nie stattgefunden haben. Dürfen uns Liebesgeschichten mit bonbonfarbenen Happyends ausdenken.  Dürfen unsere Protagonisten Schlachten schlagen lassen, in denen wir ganz allein über Sieger und Verlierer entscheiden. Wir dürfen alles. Manchmal bekommen wir sogar Preise dafür.

Und der Leser, dieser nette Mensch, ist stets bereit, uns unsere Lügen zu glauben. Nicht etwa, weil der ein Idiot ist – Schande über den unhöflichen chinesischen Sprichworterfinder! -, sondern weil er weiß, dass die sonst so gut bewachte Grenze zwischen Wahrheit und Erfindung in einer Story durchlässig wird. Und weil die literarische Lüge manchmal viel wahrer sein kann als die Wirklichkeit, die sie zu beschreiben vorgibt.

Ja, wir dürfen rund um die Uhr nach Herzenslust lügen und schummeln. Und schon deshalb ist das Schreiberleben auch immer ein reines Vergnügen und hat mit wirklicher Arbeit nichts zu tun. Was eben, falls sie es noch nicht gemerkt haben sollten, auch schon wieder gelogen war.

Überdies – Wissenschafter haben festgestellt: Lügen sind für die Gesellschaft mitunter auch gut. Mit einem höflichen Flunkern lassen sich Reibereien und Verletzungen vermeiden, es erhält somit Frieden in der Gesellschaft. Und diesen Frieden können wir in Zeiten wie diesen besonders gut gebrauchen. Also, erzählen Sie dem Partner, dass er gut aussehe, obwohl ihm der Kater nach einer durchzechten Nacht ins Gesicht geschrieben steht. Oder nicken Sie zustimmend, wenn der Kollege im Betrieb sich wieder einmal über die Zustände aufregt. Oder verzichten darauf, das misslungene Essen im Restaurant zu beanstanden, weil sie ein Freund dazu eingeladen hat. Denn kleine fromme Lügen erfüllen einen Zweck, der somit die Mittel heiligt.