Home Steiermark-Liezen WT281 magazyn: Mit einem Apfel fängt alles an

magazyn: Mit einem Apfel fängt alles an

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„Das kann man nicht mehr verwenden“, sagt Max und stellt ein Glas mit dem Etikett „Erdbeeren 2002“ auf den Küchentisch.  „Schimmel macht Marmelade nicht nur ungenießbar, sondern geradezu giftig“ erklärt er. Das sei ein Blödsinn,  erwidert Mathilde, man müsse nur die obere Schicht entfernen, dann sei die Marmelade ausgezeichnet. „Auf einer jeden Marmelade wächst Schimmel, das ist immer so und noch nie giftig gewesen, sonst wären wie beide längst nicht mehr am Leben. Schließlich wachsen auf deinem Kopf auch Haare, und du bist manchmal viel ungenießbarer als irgendwas Angeschimmeltes“, stellt sie  fest.

„Du ignorierst die Erkenntnisse der modernen Ernährungswissenschaft“, sagt Max. Und er wolle kein vergammeltes Zeug essen, sondern etwas Frisches, gerade in der kalten Jahreszeit, wo der Körper den schlimmsten Anfechtungen ausgesetzt sei und die immer im Spätherbst grassierende Grippewelle für ein Massensterben sorgen werde. Dann solle er dicke Socken und einen Wollschal anziehen, bescheidet ihm seine Frau. Mit einem Katarrh habe der Schimmel auf der Marmelade nicht das Geringste zu tun. Und wenn er etwas Frisches wolle, könne er gerne zum Bauernmarkt vor dem Rathaus marschieren und sich einige Äpfel kaufen. Max ist aber nicht zu beruhigen: „Obst wird heutzutage grün vom Baum gerissen und durch die ganze Welt gekarrt, um in Lastwagen künstlich zu reifen. Solches Zeug kann man grundsätzlich nicht essen.“  Zum Beleg beißt er in einen der lackroten Äpfel, die Hilde im Keller auf Vorrat hält, und stellt fest, das Ding schmecke unter seiner Glanzschale eindeutig nach Schimmel, sei also ebenso giftig.  Er wirft den Apfel aus dem Fenster und entleert, völlig in Rage geraten, etliche Gläser voll mit Erdbeermarmelade schwungvoll auf die gleiche Weise.  Im Stiegenhaus begegnet er Frau Schniebeis, die soeben vom Rasenmähen zurückkommt. Aufgelöst berichtet sie ihm, dass sie vor wenigen Minuten mit Marmelade überschüttet worden sei und zeigt ihm Reste davon auf ihrer blond getönten Frisur. Sie wisse zwar, dass diese jungen Leute im Haus an ihren Computern sehr lärmempfindlich seien, aber da könne man doch etwas sagen, wenn das Motorengeräusch des Rasenmähers störe, sagt sie, und sie verstehe die Welt nicht mehr. Unverständlich bleibt Frau Schniebeis aber auch, wieso Herr Max erstmalig  ihr den Einkaufskorb bis in den vierten Stock trägt. Und dass  er die als Dank für die Hilfe angebotene Steige Äpfel sowie das Glas Preiselbeeren energisch ablehnt, bereitet ihr immer noch Kopfzerbrechen…

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